Spiritueller Wanderzirkus mit Folgen

Pilgerdenkmal vor León

Pilgerdenkmal vor León


Spiritueller Wanderzirkus mit Folgen

Zum Spiegel-Artikel  über Jakobspilgern  „Ich bin dann mal hier“ von Juan Moreno 

 (Nr. 31/2014 )

Auf dem Hintergrund meiner Eigenerfahrung mit dem Camino francès empfand ich sämtliche bisherigen Filme zum Thema Jakobsweg als enttäuschend kitschig, sentimental und süßlich. Wie in meinem Buch „Jakobspilgern im Massentourismus“ beschrieben, war mein Erlebnis nachhaltig positiv – dies allerdings trotz (oder vielleicht gerade wegen) der damit verbundenen Herausforderungen, die als unbezweifelbares Resultat des Bestsellers eines weltbekannten Kabarettisten auf den Jakobsbetrieb festzustellen sind. Die diversen Zumutungen eines seitdem ständig anwachsenden gigantischen Pilgerrummels scheinen in Büchern über den Jakobsweg und in Filmen zu diesem Thema überhaupt nicht zu existieren. Es wird darin fälschlich der allgemeine Eindruck erweckt, als ob Jakobspilgern einem romatischen Spaziergang durch unberührte Landschaften gliche, bei dem sich nach Art eines rauschhaft- religiösen Wunders gewissermaßen eine Seelenreinigung ereignet. Der Beitrag von Juan Moreno bildet hierin insofern eine Ausnahme, als die dadurch provozierten Probleme immerhin angedeutet werden und kritische Töne dabei anklingen.

StCome-Jakobsmuschel

Muschelsymbol des Jakobswegs

Der Autor erzählt spürbar begeistert von einer offensichtlich selbst erlebten inspirierenden Wirkung seiner Unternehmung. Diesen günstigen Einfluss schreibt er ausgiebiger körperlicher Aktivität in wunderschöner Naturumgebung bei  funktionierender Infrastruktur unter der Bedingung geübter Selbstbeschränkung zu, sowie dem Austausch mit begegnenden Mitpilgern. Deren Geschichten geben erschütternde Einblicke in unvermutet schwere Schicksale. Besonders angesprochen hat mich der Hinweis auf eine wohltuende Langsamkeit des Fußpilgers auf dessen Erleben. Humorvoll- originell spricht Moreno u.a. auch gewisse absurde Aspekte an, die kritisch gewertet werden können. Beispiel hierfür sind ein gerade von betuchten  Pilgern häufig praktiziertes Knausertum, das sich als spirituelle Haltung ausgibt, und die unverzichtbare digitale High-tech-Ausstattung heutiger Pilger. Mehrfach erwähnt wird ein fundamentaler Konflikt zwischen sogenannten „Alt-und Neupilgern“, deren Vorstellungen vom „richtigen“ Pilgern erheblich differieren.

Vom Autor nicht näher erläutert werden die durch die betreffenden Unterschiede bedingten Zustände selbst, denen  weniger robuste Naturen vor allem in überfüllten Unterkünften ausgesetzt sind. Übergangen werden auch unübersehbar destruktive Auswirkungen eines Massenbetriebes an wandernden Horden auf den Erhalt des Weltkulturerbes Jakobsweg.

Im Schlussatz seines Beitrages bringt Moreno zum Ausdruck, dass er in Harpe Kerkeling einen Jakobs-Guru erblickt, der Konsumenten in Pilger und Jünger verwandeln konnte. In der Umkehrung dieser Aussage scheint mir freilich mehr Sinn zu liegen : infolge der Propadandawirkung seines Weltbestsellers pervertierte Pilgern zum Massenkonsumartikel. Wenn die dadurch verursachte Vernichtung des spanischen Jakobswegs bisher noch nicht ganz gelungen ist, darf dies als endgültiges Ergebnis von der Resonanz des angekündigten Films erwartet werden. Um die wirtschaftliche Nutzung des Jakobspilgerns als Haupterwerbsquelle der ansässigen Bevölkerung weiter zu optimieren, wird der Camino francès nämlich längst auch für Autopilger ausgebaut und zubereitet.

Gelber Pfeil nach Santiago de Compostela auf dem Camino francès in Spanien

Der gelbe Pfeil auf dem Camino francès weist nach Santiago de Compostela


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