Camino de Levante III

Toledo mit Alacazar

Panorama von Toledo mit Alcazar

Camino de Levante III

El Almoradiel – Villacañas – Tembleque- Mora -El Almonacid- Toledo

 

15./16.05.2014

Nach dem Aufbruch aus der stilvollen Casa Rural ohne Kaffee in Almoradiel bewegten wir uns weiter fort in Richtung Villa Don Fadrique. Der Weg zeigte sich unerwartet anstrengend wegen starken Gegenwindes und eines unablässigen Gegenverkehrs, der auf der unbefestigten Straße ständig riesige Staubwolken aufwirbelte. Man nennt La Mancha nicht ohne Grund die Heimat des Staubes. In den Fahrzeugen, die uns entgegenkamen, saßen johlende , geschmückte Jugendliche, die zu einem Fest zu Ehren von San Isidoro fuhren. Wir wurden es bald müde zu winken. Als wir endlich den Ort erreichten, erwies er sich als heruntergekommen und wie ausgestorben. Es erschien sehr fraglich, überhaupt eine Herberge zu finden, wobei wir auch wenig Lust hatten, hier zu nächtigen. In einer Bar bot sich ein Gast an, uns nach Villacañas zu bringen. Dies nahmen wir gerne an und fanden an der Hauptstraße in Villacañas das Hotel Europa.

Schlafraum in Casa subterranea Villacanas

Schlafraum in Casa subterranea

Dieser Ort wird uns unvergesslich bleiben wegen seiner besonderen Sehenswürdigkeit: den Casas subterraneas. Wir konnten diese am nächsten Morgen in einem Museum besichtigen. Die Führung durch die unterirdischen Silos, die bis vor kurzem armen Leuten als Behausung dienten, war ausgezeichnet und anschaulich . Dank einer intelligenten Konstruktion und besonders undurchlässigen Lehm als Baumaterial waren die wunderschönen blau-weiß gestrichenen Erdwohnungen, in denen Menschen mit ihren Tieren lange Zeit zusammen lebten, hell, kühl und gut durchlüftet. Die Kammern sind von den Bewohnern selbst ausgehoben und -gestaltet worden. Unserer Vermutung nach sind diese Leute vielleicht nicht ganz freiwillig in moderne Sozialwohnungen umgezogen, nachdem ihre Wohnungen neueren Baubestimmungen nicht mehr entsprachen.

Schönster Marktplatz Spaniens Tembleque

Schönster Marktplatz Spaniens in Tembleque

16./17.05.14.

Weiter ging es zu Fuß zunächst bis Tembleque, wo wir laut unserem Führer den „schönsten Marktplatz Spaniens“ mit seinen kunstvoll verzierten Fachwerkaltanen bewundern konnten. Auf der 13 km langen Strecke bis Villanueva de Bogas durch wogende Getreidefelder mit einem sich am Horizont abzeichnenden Gebirge hatten wir sanften Gegenwind und haben sie sehr genossen. Am Zielort wurden wir durch den Herbergswart Luis, offenbar der Künstler des Ortes, in eine recht primitive, fast gefängnisartige Unterkunft eingewiesen. Das Türschloss dieser Herberge leistete zähen Widerstand, den Ursel mit ihrem Wundermittel Ballistol jedoch auflösen konnte. Dieses auch als bewährtes Hausmittel bekannte Waffenöl hat zu unserer großen Erheiterung auf unserem Weg umfassende Anwendungsmöglichkeiten gefunden: z.B. gegen Blasen und wunde Lippen, unter denen wir beide ständig litten. Wir fanden eine große Badewanne mit funktionsunfähiger Dusche vor. In dem Bad fehlten leider auch Haken und Spiegel. Wegen ebenfalls nicht vorhandener Jalousien in diesen Räumen haben wir auf den vorgefundenen Gummimatten eher schlecht als recht geschlafen, indem die ganze Nacht über eine brennende Straßenlaterne durch die Fenster schien.

17./18.05.14.

Der Weg nach Mora dürfte der bisher schönste gewesen sein. Er führte mal bergauf, mal begab durch uralte Olivenhaine. Die mehrfach gespaltenen knorrigen Baumstämme hoben sich schwarz von der goldockerfarbigen Erde ab- ein Bild, das seit Jahrtausenden den euroäischen Mittelmeerraum charakterisierte. Wir haben diesen Hain wie eine euopäische Friedensarmee empfunden. Später wurde die Vegetation von hohen Disteln zwischen zart blühenden Ginsterbüschen abgelöst. Auf der Endstrecke begleitete uns der Anblick einer romantischen Eremitenburg.

Alter Olivenhain auf dem Weg nach AlmonacidIn Mora, wo wir in dem Hostal Agrippina eincheckten, erwartete uns als architektonische Besonderheit der Mudéjar- Baustil als Beispiel spanischer Gotik. Er prägt nicht nur das Rathaus sondern die gesamte Altstadt sowie die Kirche als ehemaliger Moschee. In einem historischen Restaurant hatten sich Spanier zum Fußball-Gucken versammelt. Abends aßen wir in einem sehr schönen alten Festsaal als einzige Gäste. Bei dieser Gelegenheit haben Ursel und ich sehr gelacht, als wir nach jahrelanger Freundschaft feststellten, dass wir doch tatsächlich beide auf Facebook sind. Wir beschlossen also , uns auch dort zu befreunden.

Rathaus Mudéjar-Stil in Mora

Rathaus Mudéjar-Stil in Mora

18./19.05.14.

Wegen unseres Nachholbedarfs an Schlaf brachen wir erst ziemlich spät auf. Das Frühstück im Hotel , das uns zwei gestrenge, alte Schwestern servierten, war eher sparsam. Nebenan „plauderte“ zunächst ein Stammtisch spanischer Frauen mit ihren Kindern dermaßen geräuschvoll, dass wir uns kaum mehr verständigen konnten. Nachdem die Wirtin ihnen Schweigen geboten hatte, flüsterten sie nur noch miteinander. Sie haben uns unsere empfindlichen Ohren aber nicht verübelt.

El Almonacid

Castillo El Almonacid

Wir pilgerten danach gen Almonacid. In Morasque genossen wir in einer Bar in einem historischen Gebäude mittags einen schmackhaften Fleischeintopf. Nach Besichtigung einer maurischen Burg und Kirche begleiteten uns wieder einmal selten schöne Vogelkonzerte in den Bäumen am Weg. Die Getreidefelder in dieser Gegend wirkten deutlich vernachlässigt. Hier drängte sich ein Gedanke an erschwindelte EU-Fördergelder auf. Der Anblick der mit drei zahnartigen Zinnen bewehrten majestätischen Mauerkrone des Castillo Almonacid begleitete uns mehrere Stunden. In der Umgebung sollten blutige Schlachten zwischen Christen und Moslems stattgefunden haben. Uns begegnete ein einzelner Mann in moslemischer Tracht, ein seltenes Bild in dieser Region .
Es war ein Sonntag, weswegen uns gewisse Zweifel kamen, ob mit dem Bus nach Toledo überhaupt gerechnet werden konnte, den wir nehmen wollten. In einer Dorfbar, wo wir uns nach den Abfahrtszeiten erkundigen wollten, hat man sich einen wenig amüsanten Spass mit uns erlauben wollen. Der finster wirkende Wirt und ein Haufen betrunkener Gäste wollten uns glauben machen, dass es diesen Bus überhaupt nicht gäbe, schon gar nicht an einem Feiertag. Und eine Unterkunft sei auch nirgendwo verfügbar. Zum Glück haben wir der Auskunft dieser alten Kerle nicht vertraut und uns dennoch auf die Suche nach einer Haltestelle gemacht. Dort traf dann ganz pünktlich unser erwarteter Bus ein. Wir fuhren in Begleitung einer lebhaften Rumänierin, die vor Jahren hier geheiratet hatte und in Spanien geblieben war. Hier fand sie nämlich Arbeit, mit der sie ihre behinderte Tochter in Rumänien ernähren konnte.

Bei unserer Ankunft in Toledo am späten Nachmittag bot sich uns in der Abendsonne das unverwechselbare eindrucksvolle Panorama dieser Stadt, das El Greco in seinen Gemälden verewigte. Unser Bus brachte uns zur Plaza Zodover, von wo wir nicht mehr weit bis zu unserer Herberge Los Pasquales hatten. Nach Passage des gewaltigen Komplexes des Alcazar gelangten wir zu unserem Ziel. Der Herbergsleiter José, ein engagierter junger Mann mit leichter Behinderung, vermittelte uns sogleich einen umfassenden touristischen Überblick, so dass wir später keine weiteren Informationen mehr benötigten. Die Herberge erwies sich als höchst funktional eingerichtet, so dass man sich über fehlende Ausstattung mit Haken im Bad wunderte.
Nach kurzer Ruhepause machten wir uns zunächst zum Bahnhof auf, um Zugtickets nach Barcelona zu lösen. Dessen Gebäude im Mudéjar-Jugendstil erwies sich als weitere Sehenswürdigkeit mit prächtigen farbigen Glasfenstern. Es gab nur eine Zugverbindung über Madrid. Anschließend besorgten wir uns Eintrittskarten für eine der El-Greco-Ausstellungen am Nachmittag, bevor wir uns in einem Sightseeing-Bus durch Stadt und Umgebung fahren ließen. Wir passierten mehrfach maurische Tore und überquerten den Tajo-Fluss, in dessen Biegung Toledo an einem optimal zu verteidigenden Platz erbaut wurde. Auf dieser Rundfahrt ergaben sich uns wiederholt malerische Blicke aus verschiedenen Perspektiven auf Toledos einzigartige Silhouette. Keine Stadt, die ich bisher besucht habe, erschien mir so ehrfurchtgebietend und wie aus einem Guss gestaltet. An dem Baustil der dezent restaurierten alten Gebäude waren Merkmale jüdisch-muslimischer Architektur deutlich zu erkennen. Denn in Toledo, im Mittelalter von vorwiegend maurisch-jüdischer Bevölkerung errichtet, lebten bekanntlich damals alle drei Religionen des Mittelmeerraums bis zur Vertreibung der Juden und Moslems friedlich miteinander. Dank der Tätigkeit der hier konzentrierten Übersetzer ihrer Sprachen – griechisch, hebräisch, spanisch- entwickelte sich Toledo damals zu einem fruchtbaren kulturellen Zentrum, in dem die Grundlagen unserer Mathematik und Medizin aus arabischen Quellen geschöpft wurden.
In der anschließend besuchten Ausstellung bestaunten wir eine Fülle von El Grecos Gemälden. Die außergewöhnliche Intensität seiner Kunst war überwältigend, geradezu atemberaubend. Abgesehen von einem kurzen Blick in die gewaltige Kathedrale waren wir danach nicht mehr aufnahmefähig und bummelten auf der Suche nach Schnäppchen durch die Läden. Ich habe für mich eine phantasievolle Sommerbluse in leuchtendem Blau erstanden, die mich künftig an diese Stadt erinnern soll. Nach dem Shopping erwies sich die in den labyrinthisch verzweigten Gassen versteckte, mühsam ausgekundschaftete Moschee S. Luz leider als geschlossen. Ohne Ortskenntnis fiel es unerhört schwer, sich an Hand des Stadtplans zu orientieren, indem man sich aufwärts-abwärts ständig im Kreis bewegte. Am Abend haben wir in einer netten Bar lukullisch gespeist. Der Vogel, den ich bestellt habe, soll eine Wachtel gewesen sein, eine Spezialität der Gegend.

Blick durch maurisches Tor in Toledo

Blick durch ein maurisches Tor in Toledo

Bei dem Frühstück am nächsten Morgen schien uns die Bedienung durch zwei Männer etwas überorganisiert. Wir hätten keinen davon benötigt. Unsere gepackten Rucksäcke beließen wir in der Herberge, denn wir hatten noch einen ganzen Vormittag zur Stadtbesichtigung zur Verfügung. Erstmals überraschte uns regnerisch-kühles Wetter, während wir in den vergangenen zwei Wochen nur Sonnentage erlebt hatten. Es hieß also, sich diesmal wärmer anzuziehen. Der Versuch, ein Telefongespräch mit Barcelona zu führen- wir wollten Michael Rust über unsere Ankunftszeit informieren – kostete uns neben Aufbietung aller kommunikativer Fähigkeiten Stunden. Offenbar laufen in Spanien technische Vorgänge völlig andersartig ab als in Deutschland, wobei die zugehörige Erkundigung das eigentliche Problem darstellt. Worin die Schwierigkeit lag, weiß ich nicht mehr genau. Ich entsinne mich dunkel, dass wir nie auf die Lösung gekommen wären, Barcelona als Ausland zu verstehen, weil es sich in Katalonien befindet. Wir liefen viele Gassen ab auf der Suche nach der zweiten Moschee de Tornerias, die aber ebenfalls geschlossen war.

Moschee St. Luz in Toledo

Moschee St. Luz in Toledo

Dafür fanden wir ein Museum in der großen alten Synagoge, wo uns eine umfassende Führung Einblick in die Schicksale der Sepharden-Juden vermittelte. Deren Vertreibung wurde in der Ausstellung als Beispiel einer früheren Shoah demonstriert. An dem Dekor der Trachten und des Schmucks zeigte sich eindrucksvoll die enge Verwandtschaft zwischen sephardischer und moslemischer Kultur aus Nordafrika. Wir erfuhren zu unserer Überraschung, dass sich in Toledo heute weder eine einzige Moschee noch eine Synagoge noch bzw. wieder in Betrieb befindet. Daraus lässt sich schließen, dass nur verschwindend wenige der einstmals vertriebenen Juden und Moslems in ihre Heimat zurückgekehrt sind, obwohl sie weiterhin Besitzer vieler dortiger Häuser geblieben sind. Dieser Umstand ließ uns zweifeln, ob in Spanien eine Aufarbeitung dieses Ereignisses je stattgefunden hat.

Deckengewölbe mit Muscheldekor Synagoge Toledo

Deckengewölbe mit Muscheldekor Synagoge Toledo

Wir erreichten nur knapp unseren Zug, der uns bis zum Abend über Madrid nach Barcelona brachte. Dort wurden wir wieder von Micha Rust am Bahnhof in tropisch schwülem Nebelwetter empfangen und übernachteten ein zweites Mal in seinem Haus in La Floresta. In Deutschland erwartete uns dagegen eine Hitzewelle, die uns in Spanien gänzlich erspart geblieben war.

Es hat sich gelohnt, diesen Zweig des Jakobswegs kennen zu lernen. Der Camino de Levante ist ein alternativer Jakobsweg, der anstelle des Massenbetriebs auf dem Camino francès neben authenischer Begegnung mit spanischer Landbevölkerung meditative Stille bietet. Pilger sind dort deutlich willkommener als im Norden.


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